Cold Steel 4max Scout vs. Voyager XL (Froberg Regrind) - alternative Fakten zu zwei CS Foldern

  • Hallo und ein gutes neues Jahr 2021!


    Kann das sein, darf das sein? Ich habe hier noch nie ein Review verfasst?


    OK. Der erste gute Vorsatz in 2021 wird genau jetzt umgesetzt. Dies wird nun geändert.


    Ich möchte Euch meine Eindrücke zu zwei massiven Foldern von Cold Steel mitteilen. Dem Cold Steel 4max Scout sowie dem Voyager XL mit Clippoint Klinge (Froberg Regrind).


    Warum der etwas provokative Titel mit den alternativen Fakten?


    Nun, über beide Messer gibt es im Netz und auf YouTube ein Überangebot an Informationen. Ich möchte mich hier nicht anreihen und hinlänglich bekannte (oder gar nachgeplapperte) Informationen wiedergeben. Näher Specs entnehmt ihr gerne den Angaben des Herstellers. Ich will Euch meine Beobachtungen mitteilen, die ich persönlich für relevant halte und die man eben nicht durch Youtube bekommt. Das sind also Betrachtungen, die ein wenig meine ganz persönlichen Kriterien bei der Messerwahl widerspiegeln.


    Materialen und Besonderheiten


    Zunächst sind beide Messer in den gewählten Materialen vergleichbar. Griv- Ex Schalen und Aus 10 A Klinge. Beide mit dem wirklich starken Tri AD Lock ausgestattet, von dem ich voraussetze, dass dieser in Funktion Euch allen bekannt ist. Aus meiner Sicht ein genialer Verschluss, wenn es um Stärke geht.


    Erste Eindrücke in der Hand


    Insgesamt sind es Messer in günstigen Materialen, optisch und haptisch, wobei sich das 4max Scout satter und angenehmer greift. Haptisch wie Skateboard Tape, aber wunderbar füllig und schwer in der Hand. Das Voyager XL ist anfangs sehr agressiv in der Hand und vergleichsweise sehr leicht, dafür sehr wendig für eine 15 cm Klinge.


    Beide Messer zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen wirklich starken Verschluss haben. Die Verriegelung ist so stark, man hat das Gefühl ein Fixed zu nutzen. Dies ist ein großes Plus zu teilweise weitaus teureren Messern.


    Erste Eindrücke in der Nutzung und Handhabung


    Stahlwahl und Kilngengeometrie


    Die Wärmebehandlung des Aus 10 A ist ebenfalls exzellent. Die Schneidhaltigkeit ist gefühlt mindestens auf dem Niveau vom Niolox. Haarespalten ist kein Problem. Das geht auch noch nachdem man Äste in Handgelenkstärke durchgehackt hat, kurz übers Leder...der Daumennagel ruckelt nicht, frei gehaltene Haare werden gekappt.


    Nachschärfen mit dem Spyderco Sharpmaker bei 40 Grad ergibt eine feine und sehr kleine Mikrofase. Das gilt für beide Messer im Auslieferungszustand und für das Voyager für den Froberg Regrind im ganz Besonderen.


    Die Klingen sind in der Wate für meine Geschmack zu stark und versuchen dies durch flachen Winkel im Anschliff auszugleichen. Beim 4max Scout stört mich das deshalb nicht, weil ich einen kleinen Taschenpanzer wollte. Bei diesem war im Übrigen die Spitze verschliffen. Die Spitze war nicht mittig, sondern zu zwei Drittel nach rechts, von oben betrachtet. Ich habe dies schnell ausgeglichen, war kein grosses Ding, aber sollte erwähnt werden. Beim Voyager habe ich mich für den Regrind bei Thomas Froberg entschieden, weil es eben auch ein Reisekochmesser sein sollte. Dafür war es mir zu fett.


    Klingengang und Verriegelung


    Der Klingengang ist JETZT nach meinen Modifikationen seidenweich. Im Auslieferungszustand war dies nicht so. Beide Messer waren kratzig im Klingengang. Der Grund dafür war in beiden Fällen, dass die Unterseite des Verschlusses minimal rau war und beim Öffnen über die Klingenrampe "geholpert" ist. Abhilfe brachte der dezente Einsatz von Micromesh. Nun laufen polierte Flächen aufeinander und der Gang ist wie er sein sollte. Hier wünsche ich mir mehr Sorgfalt bei der Fertigung.


    Beim 4 Max Scout gab es noch weiter Besonderheiten. Die Tasche in der Klingenwurzel, in die der Hammer des Locks greift, war teilweise nicht entgratet. Grate an scharfkantigen Teilen, die Belastungen ausgesetzt sind gefallen mir nicht. Die Grate habe ich unter vorsichtigstem Einsatz der Spyderco Stäbe entfernt. Schleudert man die Klinge auf, greift der Lock nicht zu 100 Prozent. Es gibt zwar kein Klingenspiel, aber er schliesst nur bei normalen Öffnen ganz.


    Hierzu findet man Informationen im Netz, dass dies sich durch Verschleiß selbst einstellt. Ich glaube dies jetzt mal, weil sich dieses Phänomen gebessert hat. Ein Erklärung habe ich dafür nicht, aber ich vermute, dass die Klinge bei heftiger Öffnung am Pin prellt und der Lock noch nicht vollständig greifen konnte.


    Nachdem ich jetzt einmal mit viel Druck geschnitzt und gehackt habe, greift der Lock wenige Zehntel tiefer und beisst sich mehr fest, was mir gefällt, weil die Entwicklung in die richtige Richtung geht, das System sich selbst nachstellt und das Messer spielfrei und bombenfest verriegelt....und aufschleudern tu ich meine Messer sowieso nicht.


    Das Voyager schliesst mit einem lauten Rumms. Man spürt richtig die Vibration des Locks in dem leichten Griff. Das Scout schliesst leiser. Die Federhärte ist vergleichbar, es scheinen auch die gleichen Federn verbaut. Beide Federn sind austauschbar bei Defekt. Sie sind nur eingelegt und nicht in den Griff eingelassen. Ein Pluspunkt.


    Die Clips


    Bei beiden Messern ist der Clip so stramm, dass man diesen nicht vernünftig verwenden kann. Ich habe beide Clips mit einem Schraubenzieher aufgebogen, bis die Clips nutzbar waren.
    Bug oder Feature? Mir ist es zu stramm.


    Handlage


    Abgesehen von der Rauheit des Griffs, ist das 4max Scout universeller und das Voyager XL spezieller. Ersteres passt immer, zweiteres zwingt den Nutzer in vorgedacht Griffpositionen, die man mögen kann oder nicht.
    Positiv ist, dass man bei beiden Messern sicher übergreifen kann. Beim 4max Scout ist das so vorgesehen, beim Voyager geht dies auch. Ich liebe so etwas beim Schnitzen und werte dies beidemale als PLUS.
    Hacken ist mit einem Folder weniger sinnvoll, aber zu Testzwecken...hier punktet das Scout, hat einfach mehr Rumms. Beim Voyager tut einem der Griff in der Hand weh.
    Aber es gibt eine Ausnahme. Der Pistolengriff des Voyagers erlaubt das Messer ganz weit hinten am Griff zu greifen. Vom Hersteller ist dies dafür angedacht mehr Reichweite zu haben. Selbstverteidigung ist nicht mein Thema, aber in dieser Position kann man hervorragend Brombeerranken hinter dem Zelt oder in Kopfhöhe bei der Hunderunde mit einem leichten Schnapper aus dem Handgelenk sauber trennen, ohne sich die Finger aufzureissen.


    Fazit


    Beide Messer überzeugten mich erst, nachdem ich selbst in geringen Umfang Hand angelegt habe oder Hand anlegen habe lassen.


    Ich kann nur für diese beiden Messer sprechen, aber ich lehne mich mal soweit aus dem Fenster, dass die oben von mir beanstandeten Punkte nicht nur bei meinen Messern aufgetreten sind.


    Kaufempfehlung?


    Ja, wenn man ein vergleichbar günstiges Messer möchte, welches auf ganzer Linie mit seinem Verschluss überzeugt, einen vernünftigen rostfreien, zugleich schnitthaltigen Stahl möchte und man mit kleineren Mängeln leben kann, die sich aber selbst beseitigen lassen.



    Gruß


    The Lem


    5 Mal editiert, zuletzt von TheLem () aus folgendem Grund: Schreibversehen

  • Kann das sein, darf das sein? Ich habe hier noch nie ein Review verfasst?


    Hallo The Lem,


    und dann gleich ein solches :thumbup: !
    Kompliment, das lässt wirklich keinen Aspekt aus, der auch für mich wichtig wäre, zeigt Abhilfe- oder Verbesserungsmöglichkeiten zum Beispiel beim Klingengang und der Verriegelung auf...



    Selbstverteidigung ist nicht mein Thema, aber in dieser Position kann man hervorragend Brombeerranken hinter dem Zelt oder in Kopfhöhe bei der Hunderunde mit einem leichten Schnapper aus dem Handgelenk sauber trennen, ohne sich die Finger aufzureissen.

    ...bietet dem geneigten Leser auch noch Grund zu Schmunzeln.



    Bitte weiter so :D


    Beste Grüße und ein gutes Neues!
    Axel

  • Ja ist denn schon Weihnachten, weil meine kleine Anmerkung im Galeriebereich gleich so schnell und vorzüglich ungesetzt wurde? :badidea:
    Na klar, es war ja gerade erst Weihnachten .... :doh:


    Klasse Review prall aus dem Leben eines Anwenders. Im geistigen Auge musste ich sofort an Deine Biwakübernachtungen denken.
    Soll heissen, bei Dir wird das Material sinnvoll und lebensnah eingesetzt und Deine Meinung ist dadurch gewichtig.


    Ich habe es eigentlich nur vermutet, aber prompt konntest Du auch mit einem Froberg-Tuning aufwarten.
    Auch Deine Verbesserungen haben mir sehr gefallen und waren auch für alle Interessierten leicht nachvollziebar.



    in dieser Position kann man hervorragend Brombeerranken hinter dem Zelt oder in Kopfhöhe bei der Hunderunde mit einem leichten Schnapper aus dem Handgelenk sauber trennen, ohne sich die Finger aufzureissen.

    Diese Passage hat mir auch sehr gut gefallen und schon wieder sind wir bei der Übernachtung in der Biwakhütte im Herzen des Schwarzwalds ..... :D


    Vielen Dank für Deine Mühe zum Neujahrstag, an dem andere erst einmal ihren Kater auskurieren müssen!


    Grüße,
    Thomas