Unsere Reise nach Serendip

    • Unsere Reise nach Serendip

      Philosophen und Sinnsucher bitte googeln: Serendipity/Serendip. Für Eilige: „Das unerwartete Glück im vermeintlichen Pech“. Es sind ja eher die vielen kleinen glücklichen Momente, die unser Leben bereichern. Man muss nur seine Fühler der Wahrnehmung anders justieren.

      Pech, unser geplanter Jahresurlaub wurde Opfer des Dauerregens samt Kälteeinbruch in den Dolomiten. Glück! Seit Jahren hatte ich den ital. Fluss mit zwei Buchstaben, Po, als Radelgebiet im Hinterkopf. Nun denn, der Sonne hinterher bis Soave. Ein Städtchen wie aus einem Mittelalter-Set mit bekannt guten Weinen.




      Pech, wir pedalieren los, nach fünf Kilometern Gewitter. Hof, Scheunentor - hinein. Die Bäuerin will Stühle bringen (!), nee, grazie, unser Po bekommt ja noch reichlich Druck. Nass wie Pudel kehren die Weinbauern heim, der Wagen voller Wein-Trauben (klein, sauer), bzw. Tafel-Trauben (dick, süß) für „familia“ - und uns. Gastfreundschaft!

      Wir kreuzen die Adige, begleiten kurze Zeit ihr Ufer. Adige - Etsch, klingelt’s? Richtig…, 1. Strophe Nationalhymne, ….bis hier also Deutschland.




      Alles Geschichte; wir genießen das europäische Dach, keine Grenzen, hier auch keine in den Köpfen. Ein paar Brocken italienisch aus Respekt zum Gastland; oft genug wird auf deutsch, noch mehr in engl. geantwortet.


      Noch ne ehemalige Grenze. Bis Mantua dehnte sich das habsburgische Österreich - sagenhaft. Die mächtige Zitadelle kündet noch davon. Tödliches Pech für den Tiroler Freiheitskämpfer A. Hofer; in ihr ließ Napoleon ihn hinrichten.
      Österreicher und Franzosen sind längst weg - und durch die Hintertür doch wieder da. Julius Meinl hat sich im Land der Lavazzas, Segafredos und Illys festgesetzt. Mein „Franzose“ kommt überall sozialverträglich und friedlich daher: Fontenille Pataud, 5Coqs, mit Taillock per Hahnenkamm. Der Wacholder duftet immer noch, der „Café Americano“ übertrifft ihn; wir sind Fans eines guten braunen Gebräus.





      „Carbonara“ kennen wir zu Spaghetti. Mit Wortspielerei mache ich mich an die Übersetzung des Schilderwaldes. „Köhlersfrau ihr Po“….. und „limitierte Verkehrszone“ - was die hier alles regeln!?!?



      Gern würde ich mich am Ufer des Po auf dem Meinigen niederlassen, schnitzen. Holz gibts reichlich - Pech, Verständnis meiner lieben Frau weniger. Ich brech mir ‚nen Ast zum Schnibbeln für daheim, mentale Urlaubsnachlese.
      Pappeln sind die Charakterbäume des Po, zeigen heute ihren Charakter in Reih und Glied in riesigen Plantagen. „Nachwachsende Rohstoffe für Zellstoff und Energie“, erklärt uns ein älterer Herr in reinstem deutsch, sein Großvater war Teutone.




      Geisterwald: So sieht’s aus, wenn die Natur natürlich bleibt.




      Po-Delta, Wasserlandschaft, kleine Dämme, Landgewinnung.




      Büsche, kaum Bäume. Aber ausgerechnet brüchige, dornige Robinien. Prompt bohrt sich einer in den Reifen meiner Liebsten. Pech: Platten. Jedoch Glück voraus. Eine Schutzhütte gegen Wind und Sonne, ich repariere. Drinnen zwei Jäger, Hund und typische „Mama mia“ für die Etappe. Noch keine „Anatra-Duck-Ente“ erlegt, dafür biegt sich die Tafel. Braten, Würstchen, Minestrone, Reibe- und Desertgrana, Brot, Bohnen, Kuchen, Vino Rosso, süßer Kaffee, Grappa - und wir sind eingeladen. Gastfreundschaft!!!

      Eine Gelegenheit für mein Bark River. „Bumblebee“ wird begutachtet, ein Maserin kommt dazu - Foto.




      Verlorene Stunden werden so zum gewonnenen Tag, die restliche Etappe mit Vino und Café coretto (Schuss) rollt schmerzfrei ;)



      Venedig: Da gibt’s viel zu sehen. Vor allem Chinesen auf Gegenbesuch bei ihrem Entdecker Marco Polo.



      Ein Regentag - und alles „blüht“ in prächtigen Farben.




      Regen=Museum. Ich erwarte Kontrollen, daher nur mein kleines Gräfrath-Adelsmesser dabei. Es piept, durchgewinkt, das war’s. Schlampig? Nee, pragmatisch. Piept ja bei jedem; Kameras, Kleingeld etc.pp. Vom Museum zum Allgemeinen der Messer. Gibt natürlich Restriktionen. Unterwegs setze ich auf „berechtigtes Interesse“, in der Stadt unter Menschen auf Pragmatismus. Hab dezent immer was dabei, sonst fühlte ich mich nackt. Klar, Sicherheitskräfte sind präsent. Mein Eindruck, nicht nur hier: Kontrollen hängen stark vom Profil ab, bürgerlich-zivile Erscheinung hilft. In Restaurants, Cafés etc. interessiert sich niemand, ob der ältere (nette…;-)) Herr da gerade sein Besteck um einen Folder ergänzt.

      An der Strecke Venedig - Verona wieder eine „kleine“ Überraschung. Villa Pisani, riesiges Barockschloss, nie gehört. Pech, eigentlich keine Zeit; dann biegen wir doch ab. Gut gemacht, eine Stunde Geschichte atmen muss leider genügen.



      Drei im Wahn vereinte „Weltenlenker“ haben hier ihren Fußabdruck hinterlassen. Napoleon fing an, kaufte das Schloss, nächtigte eine Nacht, fand’s „Für einen Grafen zu groß, für einen König zu klein“. Generationen später folgten der deutsche „Fööhrer“ und der ital. Duce, erst hierher, dann Napoleon auch in den russischen Untergang.


      Dämmerung, spät treffen wir bei der Unterkunft ein. „Agriturismo“, nanu, sollte das nicht landwirtschaftlich riechen? Stattdessen empfängt, umhüllt uns der „Angels Share“, lässt uns am nächsten Morgen glatt verschlafen. Die Erklärung: Wir sind auf dem Gelände der „Distillerie Brunello“. Hab wie ein Trüffelschwein gleich die älteste Grappa-Dist. Italiens aufgespürt!!! Eine Führung samt Verkostung, schön wär’s gewesen. So kommt nur ein Pülleken mit, ebenfalls für die Nachlese.



      Passendes Sujet für meinen Slipjoint-Folder von Attila Kovacs, Balbachdamast, Neusilberbacken, Büffelhornschalen.


      Weiter geht’s. Ziel Soave, mit schöner Bergetappe - Ziel Heimat, mit Hindernisrennen. Brenner dicht, LKW-Unfall, Pech! Stau-Paragraf 1: Niemals mit voller Blase oder leerem Bauch…. In Klausen runter, Glücksfall, Volksfest „Törggelen“: Musik, Volkstanz, leckeres Essen. Bei den 3M-Krapfen Marille, Mohn, Maronen darf jetzt auch mal das kleine Gräfrath ran.





      Neuer Tag, neues Glück. Stadtfest in Manching, wir sind dabei. Autobahn dicht…, Paragraf 1, Musik, Volkstanz…., wie gehabt.

      Stilleben mit Steckerlfisch und Opinel….



      ….. kann mein „Attila“ auch.







      Spät kommen wir zuhause an. Müde, aber stressfrei, dank Serendipity! Oder: „Always look on the bright side of life!“

      Gruß
      Burghard
    • servus Burghart
      klasse Bilder und Bericht .
      Bei manchen Bildern erwartet man Don Camillo zu sehen :thumbsup: .

      Gruß aus dem Neckartal . . . Norbert
      NIVEAU ist keine Hautcreme

      ...und will mich jemand aus der Ruhe bringen , so denk ich an die Worte des Götz von Berlichingen
    • Hallo Burghard,

      ein toller Bericht mit extem schönen Bildern, die zusammengenommen eine Kunstgallerie ergeben.
      Hier kann man sowohl in Landschaft, Gaumenfreuden als auch in Messerdarbietungen schwelgen.
      Für Augenschmaus und Gehirnfutter hast Du hervorragend gesorgt - es ist angerichtet .....

      Herzlichen Dank für Deine Mühe, es hat sich absolut gelohnt!

      no bird schrieb:

      Bei manchen Bildern erwartet man Don Camillo zu sehen
      Stimmt! Oder die Moni Bellucci 8o
    • Danke für Eure netten Rückmeldungen. Sicher macht das ein bisschen Mühe, aber bei so vielen Schnittmengen meiner Hobbys und Interessen, Fotografie, Messer, Reisen, Geschichte..., wird daraus vor allem eines: SPASS. :thumbsup:

      no bird schrieb:



      ...Bei manchen Bildern erwartet man Don Camillo zu sehen....

      Ahhhh, ein Kenner amüsanter italienischer Streitkultur! Ein Umweg zu den Originalschauplätzen in Brescello war zeitlich leider nicht drin. Monica Bellucci im Kopf wäre sicher die hübschere Variante, aber tatsächlich begleitete uns immer wieder jener Don Camillo. Es gab diese kleinen, stillen Orte wie ein Filmset, Piazza, Kirche, Glockengebimmel....


      Wrangler schrieb:



      An Schneidwaren hat es scheinbar auch nicht gemangelt, Gräfrath, Attila...

      Stimmt, reichlich ausgestattet für Radgepäck. Aber dafür ist Platz in der vollsten Tasche. :D Hatte noch eines dabei, wartete vergeblich auf Einsatz. Wird die schnitzende Nachlese daheim übernehmen.

      Gruß
      Burghard
    • Neu

      Das Ergebnis der Urlaubsnachlese steht noch aus:

      Aus dem mitgebrachten Pappelstück wurde ein "Pinnecken".
      Geschnibbelt mit dem kleinen Allrounder von Thomas Hauschild. Es war ebenfalls auf der Tour dabei, hat aber faul in der Tasche abgehangen.
      Inspirierend veredelt mit einem Grappa Barrique von Brunello.

      Gruß
      Burghard