In Würde gealtert

  • Für die Urenkel bleibt der 88. Geburtstag ihrer Oma durch mein spaßiges Geschenk unvergessen: Ein Sack geliebter Kartoffeln und dazu ein neuer Herder-Schnitzer mit Solinger Flachschliff. Ich dachte, Mutters uraltes Familienerbstück hätte mit rund 60 Jahren den Ruhestand verdient. Ich war aber nicht wirklich überrascht, als ich kürzlich den Neuen noch im fast unberührten Zustand in der Schublade fand, während der Alte noch weitere Jahre ran musste.



    ‚Er würde ja noch gut schneiden, kann man doch nicht wegschmeißen. Hätte schon ihre Mutter mit geschält.‘ Sentimentalität, Treue zu gewohnten Dingen und die Lebenserfahrung einer Generation, die noch Mangel kannte und deshalb nur mit Schmerzen etwas wegwirft. So sind beide, meine Mutter und ihr liebster Schnitzer, in Würde gealtert.




    Über die Schleif-Philosophie heutiger Experten würden unsere Altvorderen nur den Kopf schütteln, ihnen genügte jede harte Natursteinkante.


    Hier sind die wichtigsten Messer meiner Großeltern im „Familienmuseum“ vereint.



    Gruß
    Burghard

  • Hallo Burghard,


    eine sehr schöne Geschichte, hat mich auch gleich an meine Grossmutter erinnert. Mein Onkel hatte ihr wohl schon in den 70igern ein Marttiini geschenkt. Damit hat sie alles geschlachtet und auch sein Wildbret zerlegt. Jetzt wo ich darüber nachdenke, meine erste Begegnung mit einem Puukko :thumbup: . Irgendwann hat sie es dann meiner Frau geschenkt, zum Hasen metzeln. Seitdem halten wir es in Ehren.


    Viele Grüsse
    Alex


  • Über die Schleif-Philosophie heutiger Experten würden unsere Altvorderen nur den Kopf schütteln, ihnen genügte jede harte Natursteinkante.

    Die haben ihre Messer auch durch Arbeit verschlissen und nicht durchs schleifen. Und so soll es eigentlich auch sein.


    Gruß


    The Lem

  • Eine schöne und ästhetische Vorstellung eines echten Familienstücks, Burghard!
    Spricht mich in vielerlei Hinsicht sehr an - und könnte auch von meiner Mutter sein von wegen neues Messer in der Schublade...
    Klasse!
    Beste Grüße,
    Rainer

  • Schöne Geschichte Burghard.
    Ich denke das viele unserer Mütter noch solche Messer in Gebrauch haben. Wenn ich mich nicht irre, sieht das von meiner Mutter ähnlich aus. Zum schärfen hat sie auf jeden Fall einen abgebrochenen Wetzstein für eine Sense.
    Viele Grüße
    Clemens

  • Ich freu mich gerade wie Bolle Burghard. Das Kartoffelmesser meiner Oma sah nicht anders aus, als das Deiner Mutter.
    Dann kann ich mich noch genau an die Kartoffel-Aufbewahrungsschale erinnern. Die war aus dünnem Alu, total zerbeult, der Rand eingerissen und aufgerollt und ein paar Löcher hatte sie auch.
    Och ich könnte noch so viel schreiben...
    Eine tolle Erinnerung für mich, danke Oma!
    Und vielen lieben Dank Burghard, daß Du meiner Erinnerung durch deinen Beitrag auf die Sprünge geholfen hast.

  • Vielen Dank für Eure Rückmeldungen und „Daumen“. Ich bin sicher, dass die Mehrheit unter uns oder ganz allgemein solche Erinnerungen in sich trägt. Und bei Jüngeren wachsen sie noch heran, die netten oder merkwürdigen Eigenarten von „den/uns Alten“, die dann später in der Rückbesinnung liebevoll zu Schrullen werden.

    Und vielen lieben Dank Burghard, daß Du meiner Erinnerung durch deinen Beitrag auf die Sprünge geholfen hast.

    Gern geschehen, Sascha. Und ich brauchte den „Sprung“ auch erst für meine Fotos. Immer wieder schälend gesehen, machte es jetzt „klick“ und musste fotografiert werden, die Story war ja ohnehin präsent.


    Mal als Nebeneffekt angemerkt: Bei der Nachhaltigkeit unserer „Alten“ hatte die Solinger Messerindustrie keine Zukunft, alle 50 Jahre ein Schälmesser ;(



    Gruß
    Burghard

  • Danke für die Rückmeldung. Vintage ist tatsächlich auch mein Hauptinteresse, oft genug nutze ich sie auch noch. Ist immer ein Stück Herkunft und Tradition enthalten. Wie im Film, den ich (natürlich) kannte. Obwohl Meister Fehrenkamp inzwischen verstorben ist, bleibt von seinem Handwerk und Ausbildung hoffentlich noch was erhalten. Und zwei Dünnschliff-Messerchen von Herder sind auch bei mir im täglichen Einsatz.


    Gruß
    Burghard

  • Moin Burghard,


    bei Deinem Beitrag geht mir das Herz auf. Die gezeigten Messer könnten auch von meinen Großeltern gestammt haben.


    Opa hatte immer ein Taschenmesser in der Hosentasche, dass mittels grobem Stein scharf gehalten wurde und Äpfel, Stöcke und Seile für die Enkel schnitt. Omas Kneipchen sah so ähnlich aus wie das Deiner Mutter, aber es funktionierte schließlich noch und schälte die Kartoffeln in einer Stärke, dass man "da durch Zeitung lesen kann".


    Nach wie vor ist meine romantische Vorstellung, das eine Messer im Gebrauch zu haben, das nach Jahrzehnten der Nutzung zu mir gehört wie die Hand selber. Nur die Klinge muss nicht ganz so aussehen wie die unserer Altvorderen ;)


    Danke!


    Gruß,


    Nick

  • Hi Nick,
    Ja...., die Erinnerungen!!!
    Mit dem „Einen“ richtigen Messer ist das bei uns so schwierig: es gibt zuviel Auswahl, immer was Neues. Das hatten die Alten nicht in der Weise und alterten gemeinsam mit ihren Gebrauchsgütern. Und kam was Neues, wurde das Alte doch bewahrt.


    Gruß
    Burghard