Werdegänge von Halbintegralen aus C105/ C85/ 1.2833 mit Hamon und Geweih

  • Seit einigen Monaten plagte mich fast schon sowas wie eine Art "Kreativitätspause", d.h. ich hatte schon Befürchtung, dass mir jegliches Gefühl für Formen, Designs, Farben und Haptiken verloren ging. So war ich der Schmiede nicht nur aufgrund der aktuellen politischen Lage lange fern, nein, das war auch eher sowas wie eine Art "Ich weiss nicht, was ich machen soll" - Thematik.

    Ein für mich hinsichtlich des Schmiedens völlig neues und unbekanntes Gefühl, dass ich so noch nicht hatte. Bis dato konnte ich eine Idee nicht schnell genug fertig stellen, da waren schon drei andere Gedankengänge da.

    Aber: Seit einigen Monaten hakte es da doch gehörig, sodass ich hier dann das Modell "Brechstange" gewählt habe, um den kreativen Knoten zu zerstören und frischen Wind in die Hallen der Bastelkunst zu bringen.


    Mittel der Wahl waren Halbintegrale jeglicher Art, weil man sich hier auch körperlich recht austoben kann. Da mein Bestand an hamonfähigem Stahl und Geweih doch sehr gross ist, war die Idee schnell geboren: Halbintegral, Geweih, Endkappe, fertig. Kein Pläne, laufen lassen, was der Hammer denn so hergibt:


    1. So denn hier die ersten zwei....man erkennt klassiche halbintegrale Messer.



    Da gibt es für mich jetzt nicht viel auszusetzen, grundsolide, schön, handlich. Daneben noch den Stempel für den Ort der Schmiede gesetzt, Hamon eingehärtet.


    Die Linie ist stimmig, aber kein kreativer Orgasmus. Auch hatte ich ungewohnte Probleme mit dem Hamon....das kenne ich so eigentlich nicht.




    2. Aus zwei Halbintegralen wurden dann vier und immer noch: Grundsolide, kleine halbintegrale Messer mit leichten Abwandlungen in Form und Übergängen.



    2.


    3. Nach dem Finish der ersten zwei Messer war ich völlig unzufrieden mit dem Hamon...das war nicht das, was ich wollte und habe ich wieder experimentiert...so wie früher. Und so langsam kam die Laune wieder:



    Dreimal Hamon, jeweils einen Parameter verändert. Die Laune stieg wegen dem unteresten Messer merklich. Choji-Hamon war wieder da. Nur die Formensprache war mir noch zu normal, zu ruhig, nix funky und so.


    4. Dann kam der langersehnte "KLICK"....das Laufen lassen, austoben, kreativ sein.



    Der Hamon, das sieht man, der war schon recht geil.


    Sodenn wollte ich natürlich nicht nur Schmieden, sondern gleich rein ins Finish:



    Auch das Problem mit dem Ricasso habe ich behoben....jetzt gefällt mir sowohl die Form, der Fluss als auch der Hamon. Aber ganz zufrieden war ich immer noch nicht. Es war halt immer noch "nur" ein Messer.


    Dennoch hier dann mal der Überblick der Werke:



    5. Losgelöst von allen Einflüssen, von Kundenanforderungen, von Bildern aus dem Internet, alles weggewischt und den Hammer laufen lassen. DAS war dann das, auf das ich hingearbeitet habe: Ein Messer, chaotisch, ganz nach meinem Geschmack, etwas für den zehnten Blick, nicht für den ersten Eindruck:



    Ein "Cleaver", sowas hatte ich bis jetzt noch nie gemacht. Auch hatte ich einen Doppelschliff noch nie im Repertoire...das klappte auf Anhieb. Aber da ich mich so gefreut habe - und immer noch freue - bin ich auf Nummer sicher gegangen und habe nur einen Sicherheitshamon eingebracht:



    Linkes Messer ist nicht das aus Nr. 4, sondern ein weiteres in der gleichen Form, nur etwas grösser. Hier wollte ich die Hamonmethodik verifizieren und eins dieser Art für mich haben. Man erkennt: Es läuft wieder. Bei beiden Messer ist das für mich neue Ricasso erkennbar...das freut mich sehr, da es etwas mehr frischen Wind in die Sache bringt. Voll geschliffene Halbintegrale finde ich weniger schön. Parallel dazu finde ich einen normalen Klingenschliff auch wenig attraktiv. Dieser jetzige Art ist ein Kompromiss zwischen rohem Schmieden und handwerklicher Eleganz.



    6. Da es bis jetzt nur Keiler und relativ grosse Messer sind, bin ich einen kurzen Moment auf die kleinen Teile umgeschwenkt...sodenn ein sehr, sehr kleines und ein mittelgrosses Halbintegral gemacht:



    Das ist für meine Verhältnisse schon sehr klein, aber manchmal braucht man nicht mehr.


    Parallel dazu ein Stück mit etwa 18cm Länge:



    Passt soweit.


    Hier dann ein direkter Vergleich zu der mir ab jetzt sehr wichtigen Ricasso-Thematik mit "Vorher-Nachher". Es ist eindeutig edler als ohne diesen großzügigen Verzug.




    In Summe fehlen bei einigen Messern noch Einpassungen Geweih-Metall und bei allen noch die Endkappe. Diesen Fortschritt pflege ich hier ein.

  • Ich bin sprachlos :huh::love::thumbsup: echt cool :smoker: .


    Norbert vom Neckar


    das Kleine ist mein Liebling :love:

    NIVEAU ist keine Hautcreme


    ...und will mich jemand aus der Ruhe bringen , so denk ich an die Worte des Götz von Berlichingen

    lasstdistechahlengluehen-3-platz.jpgwanderer_teilnehmer.jpgzombie3.jpg

  • Mir würden ja schon gute, schöne, individuelle Messer genügen. Dein Anspruch ist immer höher, Kreativität und Kunst müssen einfließen, da gibt es sicher mal Schaffenspausen. Nun scheint sie überwunden mittels beeindruckender Messer. Sogar in neuen Größen, die allgegenwärtig nutzbar sind, also EDC. Der Zwerg ist mein Favorit!!!


    Gruß

    Burghard

  • Beeindruckende Vorstellung. Das Messer mit den 2 Schliffen ist nicht so mein Ding aber die anderen sehen alle echt gut aus. :thumbup:


    Gruß Peter

  • Moin Alex,


    danke für diesen beeindruckend ehrlichen Bericht. Oft wirkt es so, als wenn ihr kreativen Köpfe wie "auf Knopfdruck" abliefern könntet. Dass da aber oftmals auch viel Mühe, Arbeit und auch Frust drin steckt, wird durch Deinen Beitrag deutlich.

    Wobei das Ergebnis mehr als beeindruckend ist und zeigt, dass sich die Mühe und das Dranbleiben lohnen. Tolle Motivation, danke dafür!


    Gruß,


    Nick

  • Ja, Alex, Du hast das Auge und die Hände. Und Du reizt beides aus, weil Du das zunächst nur erspürte Schöne auch in den Händen halten willst.

    Wie stark sind die Klingen Deiner Schönheiten? Wie stark sind die Klingen 10 mm oberhalb der Schneidkante? Wie stark die Klingenrücken?

    Grüße

    Bernd

  • Vielen Dank an alle.


    Ja, hin und wieder ist da eine Blockade, die dann jegliches kreative Schaffen behindert. Aber ich weiss für mich damit umzugehen und bis jetzt hat sich solch ein Knoten dann immer gelöst.


    Wie stark sind die Klingen Deiner Schönheiten? Wie stark sind die Klingen 10 mm oberhalb der Schneidkante? Wie stark die Klingenrücken?

    Das ist natürlich etwas von der Grösse abhängig, aber ich habe gemessen und der Rücken ist beim grössten Messer 4,2mm, der Grossteil bei 3- 3,5mm. Alle Messer laufen dann nach vorne aus.


    Etwa 10mm oberhalb der Schneidkante ist das dann um die 1,3...1,6mm. Je nach Grösse.


    Beste Grüsse



    Alex

  • Des erste ist soweit fertig. Es ist in Pkt. 2 das zweite Messer von unten. Ich habe es umgeschliffen und neu gehärtet. Der Hamon in der ersten Variante hat mir nicht wirklich gefallen.

    Jetzt ist das natürlich sehr viel besser ;-)


  • Brauchst Du noch einen Lehrling? Ich fege auch die Werkstatt und hole das Bier! Hamons kannst Du jedenfalls! Meine sind noch zu langweilig.

  • Aus einem Stück 1.2210 dieses, sehr kleine Messerchen gemacht. Ich hatte da eine Art geschmiedetes Skalpell im Hinterkopf, aber dafür ist die Klinge zu lang. Dennoch werde ich die Skalpell-Idee weiter verfolgen und kann mir gut vorstellen, dass das dann recht gut zu tragen und zu verwenden ist.


    Wie dem auch sei, hier das Messer aus 1.2210 mit Leder und Geweih. Noch rechter Rohzustand, aber die grundsätzliche Ausrichtung ist ersichtlich. Es fehlen noch Details, Endkappe, Handabzug und diverse Anpassungen.



  • Zitat

    Brauchst Du noch einen Lehrling? Ich fege auch die Werkstatt und hole das Bier! Hamons kannst Du jedenfalls! Meine sind noch zu langweilig.

    :-) Das wird schon mit den Hamons. Man muss immer bedenken, wie viele Klingen ich gemacht und so gehärtet habe. Auf Anhieb ist mir das so nicht gelungen.


    Ein wirklich schönes Messer - und der Hamon ist prima gelungen, gefällt mir!

    Das neue Härten hat wirklich was gebracht. Normalerweise mache ich das nicht, aber hier war mir die Schmiedearbeit zu wertvoll als dass ich einen Hamon in Schulnote 5 lasse.



    Bitte unbedingt mehr Bilder, das Messer ist richtig, richtig klasse!

    Das hatte ich jetzt schon in Gebrauch für Outdoor-Kochen und setzt einen Hauch Patina an. Aber ich kann es gerne noch anders ablichten. Liegt aber wirklich gut in der Hand, wenn ich mich hier selbst loben darf. :-)


  • Alex, daß Kleine trifft jetzt schon genau meinen Geschmack, toll!

    Vielen Dank. Das wird wirklich was feines. Bin noch nicht fertig mit der Klinge und die ist schon jetzt nagelgängig. Also nichts für grobe Sachen, aber wird ein guter naturburschiger Begleiter.

  • Da muß ich mich Bonsai Alex anschließen!

    ECHT COOL :love:8):love:8)


    Norbert vom Neckar

    NIVEAU ist keine Hautcreme


    ...und will mich jemand aus der Ruhe bringen , so denk ich an die Worte des Götz von Berlichingen

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  • Du machst es einem nicht leicht.

    Wenn ich sehr hungrig bin nehme ich die Pfanne mit Inhalt, bin ich satt, natürlich das Messer. Das ist nicht fair


    Gruß Peter