Französisches savoir faire + rustikal + Liebe zum Detail = Frédéric Marchand (Fred M.)

  • Moin allerseits!


    Ich habe ein paar Messer bei Frédéric Marchand (Fred M.) bestellt und möchte sie euch nicht vorenthalten. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin ziemlich begeistert von den Klingen. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, aber für mich persönlich treffen hier sehr viele in unterschiedlichster Hinsicht hervorragende Eigenschaften aufeinander.


    Für Genussleser:

    Letztes Jahr bin ich in den sozialen Medien über ein Bild von Freds Bouledogue für die Destillerie Meyer gestolpert und war auf der Stelle begeistert vom rustikalen Design, das gleichzeitig viel Liebe zum Detail zeigte. Wie das in sozialen Medien leider so häufig der Fall ist, war es lediglich das Foto - kein Name (weder des Schmiedes noch besagter Destillerie), keinerlei Kontext und zudem ausgerechnet die Klingenseite ohne Stempel. Da mich auch ausgedehnte Recherchen nicht weiter brachten, verlor ich es einige Monate später aus den Augen. Ende letzten Jahres kam ich erneut an einem Bild jenes Messers vorbei und diesmal sogar mit der gestempelten Klingenseite - allerdings erneut ohne Namen, Herkunftsland oder sonstigen Kontext. Und erneut habe ich nach einer Weile ohne Ergebnis aufgegeben. An Ostern habe ich erstmals und zufällig von der mir vorher unbekannten französischen Messerform 'Bouledogue' gehört und bin fast vom Stuhl gefallen, als das Internet mir bei diesem Suchbegriff jenes Modell präsentierte, das ich über ein Jahr vergebens gesucht hatte. Diesmal auch mit komplettem Titel: Bouledogue von Fred M. (= Frédéric Marchand), einem in der Bretagne ansässigen Schmied, der dieses Messer mit klassisch mittelspitzer Klinge anbietet und eine watenspitze Sonderauflage für die Destillerie Meyer. Kurz auf der Homepage umgesehen und noch ganz andere Schätze gefunden - allerdings auf der Homepage kaum etwas zum Verkauf. Da ich auch in Online-Shops nicht fündig wurde, habe ich Fred direkt angeschrieben und das war ein wahrer Glücksgriff: Fred hat mir mit Engelsgeduld auf meine Fragen geantwortet und mich beraten, weshalb es letztendlich dann irgendwie doch mehr als nur ein Messer geworden sind...

    Bevor ich die drei Messer kurz vorstelle, seien noch ein paar Details zu Freds ästhetischem Ansatz gesagt: Er selbst sagt in überaus bescheidener Manier von sich, er sei kein großer Techniker und habe keine sonderliche Geduld. Genau diese beiden Eigenschaften prägen sein Schaffen - und zwar äußerst vorteilhaft, wenn ihr mich fragt. Verschiedenste Wahlmöglichkeiten zwischen Klingenstählen, Griffmaterialien, Messerformen und Mechanismen? Fehlanzeige. Taschenmesser gibt's als Pièmontais mit Klinge aus XC75 – Punkt. Beides allerdings hervorragend gemacht. Auch die Auswahl an Griffmaterialien ist äußerst überschaubar: Er startete mit ausschließlich zwei Hölzern und auch heute bietet er lediglich eine Handvoll. Ausschließlich Griffmaterialen, zu denen er einen persönlichen Bezug hat und keine Tropenhölzer (beim Bouledogue und Âme de Tonneau ist es das Holz von französischen Eichenfässern aus dem Jahr 1880, beim London ist es stabilisierte Eiche mit patiniertem Bootslack). Auch Freds Bearbeitung entspricht obiger Maxime: Fred schleift mit 40er Papier und poliert dann über. Nix mit Spiegelpolitur oder oder oder. Dafür gibt es aber diese wunderschönen Hammerschlagnieten und, was mir persönlich noch wichtiger ist: Die Kanten aller drei Messer, die bei mir angekommen sind, waren trotz des rustikalen Erscheinungsbildes perfekt gebrochen. Solche Details schätze ich sehr, denn sein wir ehrlich: Wie häufig ist alles wunderhübsch poliert, aber die Kanten der Plantinen, die Rückenfeder oder der Klingenrücken sind scharfkantig... Nicht so hier: Obwohl die Messer rau, kantig und derbe aussehen, liegen sie hervorragend, angenehm und durch die Konturierung sicher in der Hand (zumindest für mich). Zudem ist die Funktionalität hervorragend: sauberer, absolut glatter Klingengang, der bei allen drei identisch perfekt für ein Pièmontais eingestellt ist. Man bekommt es gut auf, muss aber keine Angst haben, dass es sich in der Tasche von alleine öffnet und auch geöffnet fällt die Klinge selbst bei beherztem Schwenken nach unten kaum zu. Auch der Klingenstand aller drei ist geöffnet wie geschlossen absolut zentriert und ohne Spiel. Geschliffen waren sie ordentlich und auf rasierschärfe, allerdings nicht ganz bis zum Ricasso. Auch der Klingenspiegel ist nicht beidseitig absolut gleichmäßig: Auf der nicht gestempelten Klingenseite zieht sich die Schmiedehaut 1-2 mm tiefer, die Wate ist allerdings absolut mittig am Ricasso angesetzt und zieht sich absolut gerade durch.

    Insgesamt kommen dabei rustikale Gebrauchsgegenstände mit Charakter heraus, die betont einfach gehalten sind - und zwar im besten Sinne! Fred bietet nicht allzu viel Auswahl, aber beherrscht seine Materialien und sein Handwerk mit hoher Perfektion. Vom Selbstverständnis und dem Outcome erinnert er mich eher an die japanische Schmiedekunst: betont einfach und schlicht, allerdings maximal funktional, technisch präzise und immer mit dem ästhetischen Anspruch, hervorragend zu altern (wabi sabi). Genau das bieten auch Freds Messer. Und man bedenke die Details: Einem London (also einem der Seefahrt verbundenen Messer) einen Griff aus stabilisierter Eiche (also weitgehend wasserfest) in der Optik von verwitterten Bootsplanken zu geben, ist großes Kino. Auch bei der Fasseiche aus dem Jahr 1880 braucht man sich keinerlei Gedanken über die Alltagstauglichkeit des Materials zu machen. Und noch mehr: Obwohl Fred maßgeblich mit klassischen Messerformen (London, Bouledogue, Colonial) arbeitet, verfügen seine Messer dennoch über einen modernen Piemontais-Aufbau mit Spacern. Warum ist mir das wichtig: Weil a) die Schneide geschlossen nirgends im Heft aufliegt und b) sich so keine Feuchtigkeit sammeln kann - gerade bei Kohlenstoffstahlklinge ist mir das für die Alltagstauglichkeit durchaus wichtig. Insbesondere hier zeigt sich wieder die Liebe zum Detail: Fred verwendet vergleichsweise breite Washer, gerade beim Boueldogue sieht man das gut. Dadurch wird die Möglichkeit für Rost im Gelenk zusätzlich minimiert.

    Für mich persönlich kommen hier sehr viele sehr, sehr gute Eigenschaften zusammen: Ich schätze Handwerk, weil mir bei Serienmessern meist irgendwie der Charakter fehlt; allerdings bin ich äußerst pingelig, wenn es um die Funktionalität geht; andererseits schaffen es absolut 'perfekt' gearbeitete und spiegelpolierte Klingen bei mir häufig nicht in die Rotation, weil sie letztlich zu schade zum Benutzen oder 'ohne Seele' sind. Nicht so hier: Freds Messer bieten mir die perfekte Balance aus Rustikalität und Perfektion. Maximal funktional und das mit sehr hohem Wiedererkennungswert der Formsprache. Da hat jemand seine ureigene Ästhetik gefunden und bleibt ihr erfreulicherweise treu! Fred geht in seinem Schaffen nicht in die Breite, sondern in die Tiefe und das merkt man den Messern deutlich an.

    Für Eilige:

    London:

    Klinge: XC75, 9,4cm (Schneide 7,7cm, Höhe 2,8cm, Breite: 3mm)

    Griff: Edelstahlplatinen mit stabilisierter Eiche und patiniertem Lack, 11,3cm

    Mechanismus: offenes Piemontais mit Spacern

    Gewicht: 159gr

    geöffnet / geschlossen: 21cm / 13,6cm










    L'âme de tonneau:

    Klinge: XC75, 6,2cm (Schneide 5,5cm, Höhe 2,7cm, Breite: 3mm)

    Griff: Edelstahlplatinen mit Fasseiche aus dem Jahr 1880, 8cm

    Mechanismus: offenes Piemontais mit Spacern

    Gewicht: 108gr

    geöffnet / geschlossen: 14,5cm / 10,5cm












    Bouledogue:

    Klinge: XC75, 6,7cm (Schneide 5,8cm, Höhe 3cm, Breite: 3mm)

    Griff: Edelstahl mit Fasseiche aus dem Jahr 1880, 9,5cm

    Mechanismus: offenes Piemontais mit Spacern

    Gewicht: 198gr

    geöffnet / geschlossen: 16cm / 11,5cm










    P.S. No affilitation, just a happy customer - wie man so schön sagt: Bis zur Messerbestellung kannte ich Fred gar nicht, insofern stehe ich weder auf Freds Gehalstliste, noch kenne ich ihn über den Email-Austausch hinaus persönlich - was sich hoffentlich in einem zukünftigen Frankreich-Urlaub ändern wird (wenn man irgendwann mal wieder Urlaub machen kann…).

  • Welch einzigartige Messer und welch einzigartige reich bebilderte Vorstellung von diesen :greenshocked:

    Daher gebührt Dir ein großer Dank für Deine Mühe und mein Wunsch, dass Du weiterhin so sichtbare Freude mit Deinen Schätzen hast.

    Grüße,

    Thomas

  • An anderer Stelle hab ich Deinen tollen Bericht ja schon gelobt. Aber bei so viel Arbeit, spürbarer Freude und Leidenschaft gebührt Dir auch hier nochmals mein Dank. :thumbsup:

    Ich finde, die eher rustikale Optik passt hervorragend zu dieser historischen Messertechnik, ohne Kompromisse, was Schneidleistung etc. angeht. Und die Bulldogge ist ein Knüller!


    Gruß

    Burghard